2012

Mitgliederversammlung 2012 RP Unterhaardter Rundschau 05.10.2012

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Rollenspiele und „Ressourco-Saurus”

GRÜNSTADT: Erste Grundausbildung Krisenintervention - Absolventen sind zunächst als Praktikanten bei Einsätzen

Der erste Grundkurs Krisenintervention/Notfallseelsorge des in Grünstadt ansässigen Fördervereins Erweiterter Rettungsdienst (Ferd) ist zu Ende gegangen. Der Lehrgang, der sich aus acht Tagesseminaren zusammensetzte, wurde von 18 Männern und Frauen zwischen 25 und 68 Jahren besucht. Einige von ihnen, so hofft man im Verein, werden das Team verstärken, das Menschen akut nach einem Trauma betreut.

Bei einer Befragung kurz vor Ostern habe die Hälfte der Teilnehmer gesagt, dass sie mit Sicherheit dauerhaft in der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) mitarbeiten wollten, berichtet Kursleiterin Inge Schaumann. Von der großen Resonanz zeigt sie sich angenehm überrascht. Da sich für die Ausbildung darüber hinaus schon eine Hand voll weiterer Personen angemeldet hat, wird es Anfang 2013 vermutlich einen zweiten Lehrgang geben. „Unsere derzeit acht ehrenamtlichen Krisenberater, die neben sieben Notfallseelsorgern des protestantischen Dekanats Grünstadt für uns tätig sind, haben hauptsächlich Seminare beim Wiesbadener Verein Seelsorge in Notfällen und beim DRK in Bad Homburg absolviert”, erklärt Ferd-Vorsitzender Hansjörg Wagner.

Die angewachsenen Aufgabenstellungen und Einsatzzahlen erforderten eine Erhöhung des Mitarbeiterstamms, begründet Wagner, weshalb Ferd nun selbst so eine Grundausbildung anbietet. Die Referenten stammen fast ausnahmslos aus den eigenen Reihen, das Kreiskrankenhaus stellt seine Konferenzräume und - gegen Vergütung - Verpflegung zur Verfügung. „Im vergangenen Jahr hatten wir 38 Einsätze und bis Ende April 2012 sogar schon 24”, sagt Schaumann.

Angst „vor dem ersten Mal” hat Stephanie Grammel, die jüngste Kursteilnehmerin, nicht. „Eher Respekt vor der Aufgabe”, erklärt die Maler- und Lackierermeisterin. Der Herausforderung, Menschen in schwierigen Lebenslagen zu helfen, möchte sie sich gern stellen. Schon als Jugendlicher habe er sich bei der Arbeiterwohlfahrt ehrenamtlich engagiert, auch habe er Erfahrung als Telefonseelsorger, erläutert Matthias Riedel (46), warum er sich entschieden hat, an dem PSNV-Seminar teilzunehmen. Ob er das Gelernte im Ernstfall umsetzen könne, werde die Praxis zeigen, so der Elektromeister.

Laut Schaumann werden die Absolventen des Kurses über mehrere Monate von erfahrenen Kollegen als Praktikanten zu Einsätzen mitgenommen. Wie man eine Todesnachricht überbringt und Menschen, die nach einem traumatischen Erlebnis in eine Krise zu stürzen drohen, auffängt und ihnen die seelische Verarbeitung erleichtert, lernen die Seminarteilnehmer nicht nur in der Theorie. Geübt wird das richtige Verhalten immer wieder in Rollenspielen.

Die Betreuung der Angehörigen nach einem Suizid sei anders als nach Todesfällen aus anderen Gründen, betont Schaumann und beschreibt kurz die vorliegende Situation: Ein junger Mann werde seit einigen Tagen vermisst. Man habe einen Abschiedsbrief gefunden und ahne deshalb bereits, weshalb er verschwunden sei. Vor wenigen Stunden habe die Polizei die Leiche im Wald entdeckt. Andreas Grammel und Ottmar Merz stehen nun als Krisenhelfer vor der Familie, deren Mitglieder sehr unterschiedlich reagieren.

Während die Schwester des Toten und der Vater kein Wort herausbringen und die Freundin sich in die Hoffnung flüchtet, dass es sich um eine Verwechslung handelt, versinkt die Mutter in Selbstvorwürfen.

„Schuldgefühle sind ein zentrales Thema bei Suizid”, kommentiert Schaumann die Szene, die zunächst von den Akteuren und dann auch von den übrigen Teilnehmern analysiert und kritisiert wird. „Man schlüpft in den Charakter, den man darstellen soll, und vergisst augenblicklich, dass es ein Rollenspiel ist”, sagt die „Mutter” Kirsten Kemper, 51-jährige Gemeindereferentin aus Mannheim. Bauunternehmer Andreas Grammel, der seit 34 Jahren ehrenamtlich im Rettungsdienst tätig ist, meint, dass es einfacher sei bei einem realen Einsatz zu agieren als bei solchen Übungen in der Gruppe.

Ebenso wichtig wie das Trainieren des richtigen Umgangs mit traumatisierten Personen ist das Kennenlernen von Methoden der Psychohygiene, die dem gesundheitlichen Schutz der eigenen Seele dienen sollen.

Die Aufgaben, die Schaumann stellt, sorgen für Erheiterung: Zunächst soll jeder die Namen einiger Personen notieren, die für ihn in der Kindheit prägend gewesen sind. Dann werden Tiere gezeichnet, die zu den wesentlichen Eigenschaften dieser Leute passen und schließlich malt jeder Kursteilnehmer eine Fantasiegestalt, die sich aus Teilen aller Tiere auf seinem Blatt zusammensetzt. Dieser „Ressourco-Saurus” beinhalte alle Fähigkeiten, die jemand in sich trage, verdeutlicht Schaumann, die von Beruf Psychologische Psychotherapeutin ist.

Die Bilanz nach den acht Tagesseminaren fällt positiv aus. „Es war sehr interessant, und ich konnte vieles mitnehmen, das ich auch im täglichen Umgang mit anderen gebrauchen kann”, so Stephanie Grammel. Kemper findet: „Der Kurs ist sehr praxisnah und ungemein bereichernd.” (abf)